Folge 21 - Auf neuen Wegen
Shownotes
Zwei Krisen, zwei Komponisten, zwei außergewöhnliche Werke: Rachmaninows zweites Klavierkonzert erzählt von Depression und Heilung und dem langen Weg vom Dunkel ins Licht. Prokofjews Sechste Sinfonie führt mitten hinein in die Schatten des Krieges, aber zeigt auch Hoffnung. Wie klingt Musik, die persönliche und historische Erschütterungen verarbeitet?
Autorin und Sprecherin: Marie König
Musik: 2. Klavierkonzert von S. Rachmaninow. Wyn Morris dirigiert das London Symphony Orchestra, Solist ist David Golub. Die 6. Sinfonie von Sergej Prokofiew mit dem Gürzenich-Orchester Köln unter seinem Ehrendirigenten Dmitrij Kitajenko.
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00:00:03: In diesem Konzert hören sie zwei Werke, die wegen und trotz zweier Krisen entstanden sind.
00:00:17: Die eine Krise ist sehr persönlich – die andere eine globale Katastrophe. Und die Musik trägt Spuren dieser Krisen in sich, verarbeitet sie auf unterschiedliche Weisen.
00:00:28: Wir beginnen mit der persönlichen Krise, mit der schrecklichsten Stunde im Leben von Sergej Rachmaninov.
00:00:35: So hat er sie selbst genannt – die schrecklichste Stunde, die Uraufführung seiner ersten Sinfonie.
00:00:41: Er ist knapp vierundzwanzig Jahre alt, sitzt im Zuschauerraum und spürt das Desaster über sich hereinbrechen.
00:00:48: Die Musik kommt nicht an beim Publikum und die Ausführung ist suboptimal.
00:00:53: Dirigent Alexander Glasunov macht seinen Job offenbar sehr mangelhaft, Rachmaninov muss sich selbst die Ohren zuhalten.
00:01:02: Nach den letzten Tönen stürzt er aus dem Theater und streift ziellos durch St.
00:01:06: Petersburg.
00:01:07: Die Folge des Misserfolgs: eine tiefe Depression und seine größte Schaffenskrise – drei Jahre lang kann er nicht komponieren!
00:01:16: Im Jahr 1900 geht er schließlich zu dem Neurologen und Hypnotiseur Nikolai Dahl.
00:01:22: Drei Monate lang besucht er ihn jeden Tag und dieser sagt ihm die immer gleichen Sätze vor.
00:01:28: Du wirst ein Konzert schreiben, du wirst mit großer Leichtigkeit arbeiten – das Konzern wird von exzellenter Qualität sein!
00:01:43: Die
00:01:43: Therapie wirkt.
00:01:45: Rachmaninov kann wieder komponieren und die Melodien fliegen ihm nur so zu.
00:01:49: Das Ergebnis ist ein Meisterwerk der romantischen Musik, manche sagen es sei DAS romantische Klavierkonzert.
00:01:56: 1901 wird es in Moskau Uhr aufgeführt, Rachmaninow widmet es seinem
00:02:01: Arzt.".
00:02:25: Das ist der Pianist Benjamin@font-face {font-family:"Cambria Math"; panose-1:2 4 5 3 5 4 6 3 2 4; mso-font-charset:0; mso-generic-font-family:roman; mso-font-pitch:variable; mso-font-signature:-536870145 1107305727 0 0 415 0;}p.MsoNormal, li.MsoNormal, div.MsoNormal {mso-style-unhide:no; mso-style-qformat:yes; mso-style-parent:""; margin:0cm; mso-pagination:widow-orphan; font-size:12.0pt; font-family:"Times New Roman",serif; mso-fareast-font-family:"Times New Roman";}.MsoChpDefault {mso-style-type:export-only; mso-default-props:yes; font-family:"Aptos",sans-serif; mso-ascii-font-family:Aptos; mso-ascii-theme-font:minor-latin; mso-fareast-font-family:Aptos; mso-fareast-theme-font:minor-latin; mso-hansi-font-family:Aptos; mso-hansi-theme-font:minor-latin; mso-bidi-font-family:"Times New Roman"; mso-bidi-theme-font:minor-bidi; mso-fareast-language:EN-US;}.MsoPapDefault {mso-style-type:export-only; margin-bottom:8.0pt; line-height:115%;}div.WordSection1 {page:WordSection1;} Grosvenor .
00:02:28: Er ist der Solist beim Konzert des Gürzenich-Orchester am fünfundzwanzigsten Oktober, eine Reise vom Dunkel ins Licht nennt er das zweite Klavierkonzert.
00:02:38: Immer heller wird es – vom ersten Satz einem düsteren Klangstrom bis hin zum dritten Satz, der magisch funkelt wie ein Tanz durchs Zirkuszelt!
00:02:48: Dazwischen steht der lyrische zweite Satz.
00:02:51: Den hat Rachmaninow zuerst geschrieben.
00:02:54: Benjamin Grosvenor erinnert sich daran, wo er ihn zum ersten Mal gehört hat in einem Küstenstädtchen in Essex in Südengland, wo Er 1992 geboren ist
00:03:07: Ich
00:03:07: glaube, den zweiten Satz habe ich zum ersten Mal auf einer CD gehört.
00:03:10: Ich muss ungefähr acht Jahre alt gewesen sein.
00:03:13: Ich war mit meinen Großeltern in einem Laden und durfte mir eine CD aussuchen – das war so eine Compilation die hundertbesten Stücke der klassischen Musik oder
00:03:21: so.".
00:03:27: Nach wie vor ist Rachmaninoffs zweites Klavierkonzert ein sehr beliebtes Stück.
00:03:31: Für Pianisten ist es ein Drahtseilakt, sehr virtuos und schwer zu spielen – aber gleichzeitig muss alles ganz leicht klingen!
00:03:40: Rachmaninoff war selber Pianist, er hat das für seine Hände geschrieben und die waren sehr groß.
00:03:47: D.h.,
00:03:47: die meisten Pianisten müssen mit kleineren Händen weitgriffige Akkorde, schnelle Läufe und alle möglichen anderen Kunststücke bewältigen.
00:03:56: Benjamin Grovener sagt, dass schwierige sei, dass beide Hände oft komplett unterschiedliche Dinge tun.
00:04:03: Wie die meisten Pianisten hat er das Konzert zum ersten Mal im Studium erarbeitet – an der Royal Academy of Music in London.
00:04:12: Ich habe es
00:04:13: dann für ein Konzert einstudiert, als ich ungefähr achtzehn Jahre alt war und ich habe es über die Weihnachtsfeiertage geübt.
00:04:20: Deshalb assoziere ich das Konzert immer mit Winter.
00:04:23: an manchen Stellen denke ich an Schnee weil es in diesem Jahr geschneit hat.
00:04:42: An dieser Stelle denke ich an Halluzinationen im Schneesturm.
00:04:45: Wenn der Sturm so dicht ist, dass die Laternenpfähle plötzlich aus dem Nichts auftauchen?
00:04:50: Die sechzehntel in der rechten Hand huschen hin und her – da erscheint bei mir im Kopf dieses
00:04:57: Bild.
00:05:07: Abgesehen vom Schneesturm ist der zweite Satz recht ruhig Vielleicht eine verschneite Ebene samtig in der Nacht.
00:05:15: Nach einer kurzen Einleitung beginnt das Klavier, für Benjamin Grosvenor klingt diese Stelle einsam.
00:05:31: Es wirkt rastlos fast verloren aber dann kommen die Holzbläser erst die Flöte.
00:05:37: da wirt das Klavier noch unsicher Aber dann setzt die Klarinette ein und das Klaviere antwortet mit perlenden Triolen.
00:05:44: Da wiegt es als hätte ihn jemand an der Hand genommen.
00:05:46: Jetzt laufen sie zusammen.
00:06:06: Benjamin Grosvenor erinnert diese Stelle an Rachmaninows persönliche Geschichte, seine Depression und das ihn der Arzt dann an die Hand genommen hat bis er wieder komponieren konnte.
00:06:17: Die starken Gefühle, die Rachmaninow mit seiner Musik transportiert haben auch Film-und Fernsehen inspiriert.
00:06:24: Das zweite Klavierkonzert ist der Soundtrack zu einem berührenden Film, Brief Encounter.
00:06:31: Warum Rachmaninow so gut dazu passt, verrate ich.
00:06:34: im Go-Brainer An einem Bahnhof begegnen sich zwei Fremde – Laura und Alec.
00:06:46: Beide sind glücklich verheiratet zufrieden mit ihren Leben aber das zufällige Treffen erschüttert sie.
00:06:55: Verliebtheit, Gewissensbisse, Sehnsucht – all das kann man auch hineindeuten in Rachmaninoffs Klavierkonzert.
00:07:02: Es liefert den gesamten Soundtrack zum Film und hebt die Geschichte auf eine andere Ebene.
00:07:07: Die Musik befeuert die Verwandlung von zwei ausgeglichenen vernünftigen Menschen zu leidenschaftlich Liebenden.
00:07:15: Die Gefühle überwältigen sie wie auch die Musik von Rachmaninow überwältigt.
00:07:19: Was die Charaktere nicht aussprechen, das erzählt die Musik.
00:07:24: Herzzerreißend ist zum Beispiel das Thema des zweiten Satzes.
00:07:28: Es erklingt kurz vor Schluss, als Laura erkennt dass die Affäre enden muss.
00:07:33: Der Traum von einer gemeinsamen Zukunft bleibt unerreichbar, schwebt in einer anderen Welt – in der Musik!
00:07:40: Im November 1945 erscheint der Film und ist sofort erfolgreich und gewinnt viele Preise.
00:07:46: Kritiker zählen Brief Encounter zu den besten britischen Filmen aller Zeiten. Auch dank Rachmaninoffs Musik.
00:08:00: Das zweite Klavierkonzert ist übervoll mit unsterblichen Melodien, woher kamen diese genialen Einfälle?
00:08:07: Wo hat Rachmaninoff sie hergenommen?
00:08:10: Vielleicht waren Sie alle schon in seinem Kopf gespeichert während seiner langen Blockade, sagt Benjamin Grovner.
00:08:27: Als die Musik wieder floß hatte er fast eine Überfülle an Ideen.
00:08:30: Ich glaube, er hat gesagt dass die größte Herausforderung beim Komponieren des ersten Satzes war das er vor lauter Einfällen nicht wusste wie sie alle unterbringen sollte.
00:08:39: Es berührt mich mir vorzustellen dass die Musik in einem solchen Strom zu ihm gekommen ist.
00:08:44: Was dieses Konzert so zeitlos macht sind Die außergewöhnlichen Themen.
00:08:48: Jeder Satz hat Melodien die sich tief einprägen.
00:08:52: Kein Satz übertrifft den anderen.
00:08:53: Jeder ist reich an musikalischen Juwelen.
00:08:56: Ich glaube, das trägt zu seiner zeitlosen Qualität
00:08:59: bei.".
00:09:17: Von der Überfülle zur Zerstörung.
00:09:20: Zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, 1945, vollendet Sergei Prokofiev seine sechste Sinfonie.
00:09:28: Im selben Jahr wird das Werk in St.
00:09:30: Petersburg damals Leningrad uraufgeführt – in der Stadt die die Deutsche Wehrmacht neunhundert Tage lang belagert hat!
00:09:38: Über eine Million Zivilisten haben in der Zeit ihr Leben verloren.
00:09:41: Neunzig Prozent von ihnen sind verhungert.
00:09:44: Die Schrecken des Krieges klingen auch aus Prokofiev-Sinfonie.
00:09:49: Nach der Uraufführung schreibt ein Kritiker, es wäre eines der Ausdrucksstärksten Werke von Prokoviev.
00:09:55: Aber ein Jahr später sagt die kommunistische Partei der Sowjetunio, Prokoffiews Musik sei formalistisch, sogar volksfeindlich.
00:10:38: Formalismus hieß zu kompliziert.
00:10:41: Im Sozialismus unter Stalin sollte alle Musik einfach und verständlich sein.
00:10:46: Auch Dmitri Schostakowitsch wurde des Formalismus bezichtigt.
00:10:50: Der Vorwurf konnte lebensgefährlich sein, diese Künstler wurden vielfach aus dem Weg geräumt.
00:10:56: Dieser Gefahr hat sich Prokofiev selbst ausgesetzt – er hat sich dem Systemzwang gefügt als er 1935 nach Russland zurückgekommen ist.
00:11:06: was keiner von seinen Kollegen verstanden hat.
00:11:09: Er war der einzige Komponist, der zurückkam.
00:11:12: Erst wurde er noch mit Preisen überschüttet dann diffamiert – auch wegen seiner sechsten Sinfonie.
00:11:18: Warum?
00:11:19: Weil sie nicht triumphiert wie noch seine fünfte weil sie nicht den Sieg über Nazi-Deutschland feiert und die Sowjetunion empor hebt sondern bedrückend ist und vielschichtig!
00:11:30: Die Tonart ist es-Moll Vom Dichter und Komponisten Christian Schubert als Tonart der schwärzesten Schwermut, der düsteren Seelenverfassung bezeichnet.
00:11:41: Er schreibt, wenn Gespenster sprechen könnten, so sprächen sie ungefähr aus diesem Tone.
00:11:48: Prokofiev lässt sie sprechen – die Geister, die der Krieg heraufgeschworen hat.
00:12:11: Sergej Prokoviev offenbart Bilder zerstörter Häuser und die Lehre nach dem Krieg.
00:12:17: Wir hören Versatzstücke von Märschen, Blitzlichter aus Gefechten.
00:12:21: Weit entferntes Donnern – aber auch zerreißend schöne Momente!
00:12:25: Vielleicht die Erinnerung an geliebte Menschen.
00:12:28: wehmütig und melancholisch?
00:12:42: Wie der erste scheint auch der zweite Satz vom Danach zu handeln.
00:12:46: Von Dingen, die unwiederbringlich verloren sind.
00:12:50: Die Dunkelheit der Welt malt Prokofiev in wunderbaren Klangfarben aus.
00:12:54: Momente der Schönheit blitzen wie Edelsteine aus dem Schutt Aber nie klingt das nach ungetrübter Freude.
00:13:02: Auch nicht dem optimistischen dritten Satz, der übermütig vorwärts galoppiert – denn im Untergrund brodelt es!
00:13:08: Der Puls stolpert, überall sind Lücken und wenige Minuten vor Schluss wird es ganz still- und nachdenklich eine Erinnerung an den ersten Satz.
00:13:43: Jeder von uns hat noch nicht vernarbte Wunden.
00:13:46: Der eine verlor ihm nahestehende Menschen, der andere seine Gesundheit
00:13:51: Schreibt Prokofiev über seine sechste Sinfonie.
00:13:54: Auch er selbst war krank, körperlich und psychisch zermürbt vom totalitären System unter Diktator Josef Stalin.
00:14:02: Noch eine weitere Sinfonies hat er geschrieben bevor er 1953 starb – am selben Tag wie der Diktator!
00:14:10: Seine Sechste zeigt Prokofiev als herausragenden Erzähler.
00:14:14: Der Spannungsfaden reist nie ab in dieser mitreißenden Geschichte, wie eine wirklich gute Doku die zeigt was war, die einen emotional mitnimmt – die Vergangenheit lebendig werden lässt!
00:14:27: Zu hören am fünfundzwanzigsten Oktober in der Kölner Philharmonie mit Thomas Søndergård und dem
00:14:40: Gürzenich-Orchester.
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