Folge 19 - Zum Licht
Shownotes
Dunkle Schwere, himmlische Klänge, unerfüllte Sehnsucht und schließlich ein Aufbruch ins Licht: Brahms’ »Schicksalslied«, Bernsteins »Chichester Psalms« und Brahms’ »1.Sinfonie« erzählen auf ganz unterschiedliche Weise von den Widersprüchen des menschlichen Lebens. Diese Konzerteinführung folgt den Spuren von Leid und Hoffnung, von musikalischen Vorbildern und verborgenen Botschaften – und führt mitten hinein in die emotionalen Welten von Johannes Brahms und Leonard Bernstein.
Autor und Sprecher: Thilo Braun
Musik: »1.Sinfonie« von Johannes Brahms. Gürzenich-Orchester Köln, Dirigent: Markus Stenz, 2010. »Chichester Psalms« von Leonard Bernstein. Bournemouth Symphony Orchestra, Marin Alsop, Naxos »Schicksalslied« von Johannes Brahms. Orchestre des Champs-Élysées, Philippe Herreweghe, Collegium Vocale Gent, Ann Hallenberg, Label Phil
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00:00:03: Let's go!
00:00:04: Die Konzerteinführung zum Mitnehmen.
00:00:10: Welches Gefühl löst es bei Ihnen aus, einen schlafenden Säugling zu betrachten?
00:00:15: Zu Friedenheit, Ruhe, Glück oder aber Traurigkeit und Weltschmerz?
00:00:45: Schicksals los wie der schlafende Säugsling atmen die Himmlischen – so heißt es in Friedrich Hölterliens' Schicksal-Lied.
00:00:53: Das ist die Textvorlage zum gleichnamigen Chorwerk von Johannes Brahms.
00:00:57: Es beschreibt in den ersten beiden Strophen eine ewig reine, kinderleichte Götterwelt um als Kontrast in der dritten Strophe die leitgeplagte Welt der Menschen dagegen zu stellen.
00:02:13: Blindlings von einer Stunde zur anderen wie Wasser von Klippe zu Klippegeworfen so schildert Hölderlin das Schicksal der Menschen.
00:02:22: Johannes Brahms hat diese Worte in ein effektvolles musikalisches Porträt verwandelt In seinem Schicksalslied für Chor und Orchester.
00:02:29: Es entsteht im Jahr eighteenhundert achtundsechzig.
00:02:32: Der thirty-fünfjährige Brahms besucht damals gerade seinen Musikerfreund Albert Dietrich in Oldenburg und findet in dessen Bücherschrank das Gedicht.
00:02:41: Danach soll er kaum ansprechbar gewesen sein.
00:02:44: Unterwegs war der sonst so muntre Freund still und ernst, so erinnert sich Albert Dietrich.
00:02:50: Als wir später nach Langem umherwandern am Meer saßen, entdeckten wir bald Brahms in Weiterentfernung.
00:02:56: Einsam am Strand sitzend und schreibend – es waren die ersten Skizzen!
00:03:03: Ob es wirklich so war oder ob der einsam am Meeresstrand komponierende Brahms nur so gut zum romantischen Klischee-Paste sei dahingestellt….
00:03:12: Der Konflikt zwischen himmlischer Utopie und dem Gefühl, erdrückender Schwere ist jedenfalls ein wiederkehrendes Thema im Leben und Schaffen von Johannes Brahms.
00:03:23: Und es steckt auch in den anderen beiden Werken die im zweiten Sinfoniekonzert des Gürtzenichorchesters auf dem Programm stehen – der ersten Sinfonie von Johannes Brahms und den Chitchester Psalms von Leonard Bernstein.
00:04:00: Mit diesen Worten beginnt der Psalm XXIII aus der Bibel in hebräischer Sprache.
00:04:05: Der Herr ist mein Hürte, mir wird nichts mangeln!
00:04:09: Es ist einer von sechs Psalmen die Leonard Bernstein in seinen Chichester-Sarms vertont hat.
00:04:14: Das Chorwerk war ein Auftrag für einen Kirchenmusikfestival an der Kathedrale von Chichaster in Südengland.
00:04:20: im Jahr nineteenhundertfünfundsechzig Ein einjähriges Sabbatia befreite Leonard Bernstein damals von seinen Pflichten als Chefdirigent beim New York Philharmonic Orchestra, sodass er sich ganz aufs Komponieren konzentrieren konnte.
00:04:34: Die Arbeit an den Psalmvertonungen fällt außerdem in eine Zeit, in der er sich intensiv mit seinen jüdischen Wurzeln auseinandersetzte.
00:04:41: Vorher hatte er schon seine dritte Sinfonie komponiert – mit dem Beinnamen Kaddish inspiriert vom jüdischem Totengebet.
00:04:49: Die Chichester Psalms erinnern mit den hebräischen Psalmvertonungen an die gemeinsame Basis von Judentum und Christentum.
00:04:57: Und so wie in Hölderliens Gedicht das Bild des Säuglings als Metapher für göttliche Reinheit dient, eröffnet Bernstein seine Psalmtone im zweiten Satz mit einem Knabensulisten um dem Gefühl himmlischer Geborgenheit eine Stimme zu geben.
00:05:39: Im zweiten Teil bricht dann mit tosenden Kören die Erwachsenenwelt herein.
00:05:43: zu den Worten des Psymes Nummer zwei, warum toben die Ungläubigen.
00:06:00: Kurz bevor Bernstein seine Chichester-Symes komponiert beschäftigt er sich mit Kompositionsstilen der westlichen Avantgarde nach dem Zweiten Weltkrieg – die schräge atonale Musik zum Ideal erhoben hatte.
00:06:13: Doch Bernstein hat all seine Skizzen dazu verworfen.
00:06:16: Er stellte für sich fest das war nicht meine Musik!
00:06:19: Sie war nicht aufrichtig.
00:06:22: Und doch haben die dissonanten Experimente ihren Stempel in seinem Schaffen hinterlassen, er sagte später einmal, sucht man in meiner Musik nach dem Gegensatz von Optimismus und Pessimismus so wird man ihnen am ehesten im Spannungsfeld von Tonalität.
00:06:39: Zum Schluss seiner Chichester Psalms überwiegt der Optimismus.
00:06:43: Das Finale mündet in einen so leise wie möglich zu singenden Akapella-Satz, der mit der Vertonung von Psalm hundertdreiunddreißig wie ein aktivistisches Plädoyer erscheint – siehe, wie gut und angenehmes ist wenn Brüder zusammenleben im Eintracht!
00:07:12: Wenn er seinen Zauberstab dahin senken wird wo ihm die Mächte der Massen In Chor und Orchester ihre Kräfte leihen, so stehen uns noch wunderbare Blicke in die Geheimnisse der Geisterwelt bevor.
00:07:26: Diese Zeilen schreibt gut hundert Jahre vor Bernstein im Oktober eighteenhundertdreiundfünfzig Robert Schumann über Johannes Brahms.
00:07:35: Es ist nach längerer Pause das erste Mal dass Schummann sich in seiner neuen Zeitschrift für Musik selbst zu Wort meldet.
00:07:41: Er tut es, um den zwanzigjährigen Brahms als neuen Messias der Musikwelt anzupreisen.
00:07:47: Der Artikel macht Brahms schlagartig im ganzen deutschsprachigen Raum berühmt und lastet zugleich wie ein Damocles Schwert über seinem Fortwährenden schaffen!
00:07:57: Denn wenn Schumann von den Mächten der Massen im Chor und Orchester spricht, die Brahms schon bald beschwören soll, dann ist das eine Andeutung an die neunte und letzte Sinfonie von Ludwig van Beethoven mit ihrem mächtigen Freude schöner Götterfunkenkor-Finale.
00:08:12: Brahms soll als Symphoniker in Beethovens Fußstapfen treten – so lautet die Prophezeiung.
00:08:19: Doch das ist leichter geschrieben als getan!
00:08:22: Nicht wenige glauben, dass die Gattung der Sinfonie mit Beethoven ihren Endpunkt erreicht habe und jeder Versuch in diesem Bereich neue Werke zu schreiben im Vergleich zu diesen Giganten zum Scheitern verurteilt sei.
00:08:35: Auch Johannes Brahms war ein großer Beethoven Bewunderer – in seinem Wienermusikzimmer hing eine riesige Büste von ihm direkt über dem Flügel.
00:08:43: Wäre sie von der Wand gefallen hätte sie den armen Brahms mit Sicherheit unter sich begraben!
00:08:48: und auf künstlerischer Ebene fühlte Brahms sich schon längst erschlagen von Beethovens Erbe.
00:08:54: Ich werde nie eine Sinfonie komponieren, so soll er in einem Brief an den Dirigenten Hermann Levy geklagt haben.
00:09:01: Du hast keinen Begriff davon wie es unser Einem zu mute ist wenn er immer einen Riesen hinter sich marschieren
00:09:07: hört.".
00:09:27: Mit wuchtigen Paukenschlägen und tragischer Schwere eröffnet Johannes Brahms seine erste Sinfonies und scheint damit dem marschierenden Riesen ein musikalisches Porträt zu zeichnen.
00:09:38: Mehr als zwanzig Jahre dauert es, von Schumanns Lobes-Hymne bis zur Uraufführung der ersten Sinfonie.
00:09:44: Dazwischen liegen mindestens zwei gescheiterte Sinfoniefersuche etliche künstlerische Sinnkrisen und vierzehn jahre schweißtreibende Tüftelei am dritten Versuch, der dann endlich Erfolg haben sollte.
00:09:57: Das Abarbeiten am Ideal Beethoven macht Brahms in seiner Sinfonies hörbar!
00:10:02: Wer sich etwa das Prägnante Yattatata aus Beethoven's fünfter Sinfonie ins Gedächtnis ruft, entdeckt in Brahms Sinfoniesatz an unzähligen Stellen Varianten davon.
00:10:43: Auch das Kernmotiv oft motto genannt steht unter schicksalhafter Spannung.
00:10:48: einerseits symbolisieren aufsteigende Holzbläser das Streben zum Himmel und gleichzeitig zieht es die Blechbläse in die Tiefe hinab.
00:11:05: Falls das alles gerade etwas schnell für sie ging, darf ich Sie beruhigen.
00:11:09: Auch für eingefleischte Klassik-Fans ist es fast unmöglich die vielen Schiffren und Andeutungen in der Musik von Brahms beim ersten Hören zu bemerken geschweige denn zu entziffern.
00:11:19: sogar Chefdirigent Andres Orozco Estrada sagt dass er jedes Mal wenn er Brahms dirigiert wieder etwas Neues darin entdeckt.
00:11:27: Es ist alles doch relativ komplex dicht.
00:11:30: es sind dann zehn verschiedene quasi schichten die auf einmal kommen.
00:11:34: Normalerweise hört man sozusagen so ganz modal gesagt eine Melodie mit einer schönen Harmonie.
00:11:41: Aber eigentlich in der Zeit, also innerlich gibt es ganz viel Material und versuchen diese Transparenz daraus zu holen ist für mich Immer schon ein Anliegen.
00:11:53: Oft tauchen Motive in Seitenstimmen auf, werden auf den Kopf gestellt und gespiegelt von Duhr nach Moll verwandelt oder variiert – womit Brahms den Nerds sein Handwerk als Symphone-Kopf präsentiert.
00:12:06: Auch Stile weiterer Vorbilder etwa von Giovanni Palestrina Johann Sebastian Bach oder Robert Schumann imitiert Brahms, als wollte er die gesamte Musikgeschichte in einem Werk kondensieren.
00:12:32: Das Tolle an der Musik von Brahms sei jedoch, dass sie trotz dieser vielen intellektuellen Ebenen immer auch emotional berühre sagt Andres Orozco Estrada.
00:13:07: Die persönliche Empfindungswelt von Brahms zeigt sich besonders offensichtlich in einer Melodie im Finale, die man schon fast als heimlichen Liebesbrief bezeichnen könnte.
00:13:17: Was es damit auf sich hat – erzähle ich im heutigen?
00:13:24: Der letzte Satz der Sinfonie knüpft mit düsteren Passagen an die pessimistische Grundstimmung des ersten Satzes an.
00:13:38: Doch dann bricht mit einem Hornmotiv auf einmal Sonne zwischen den Wolken hervor.
00:14:14: Eine kraftvolle Fanfare, beantwortet von einer zärtlichen Flötenstimme.
00:14:19: Dieser Moment markiert den atmosphärischen Wendepunkt in Brahmswerk – vom tragischen C-Mollbeginn hin zu einem freudetrumpenden Finale im C-Dur.
00:14:29: Zugleich verbirgt sich hier ein Geheimer Code an die gute Freundin Clara Schumann Denn Jahre vorher hatte Brahms ihr diese Melodie schon einmal auf einer Postkarte notiert, die er ihr aus der Schweiz schickte.
00:14:41: Also blust das Alphorn heute, schrieb er darüber und hat die Melodie außerdem mit einem Zweizeiter versehen.
00:14:48: Hoch auf dem Berg Tief im Tal grüß ich dich viel tausendmal.
00:15:12: Was wirkt wie ein froher Wandergruß birgt in sich eine weit größere Tragik Denn der Wortlaut ist auffallend ähnlich zur ersten Strophe aus Eichendorfs Gedicht Der Gärtner.
00:15:22: Wohin ich gehe und schaue, in Welt-und Wald-und Tal vom Berg hinab in die Aube.
00:15:28: viel schöne hohe Frau grüß' ich dich tausend Mal!
00:15:33: In diesem Gedicht beklagt der Gärtne eine ihm unerreichbare Liebe Und damit könnte die Postkarte von Brahms auch mehr sein als ein harmloser Geburtstagsgruß.
00:15:43: Nämlich womöglich einen Bekenntnis zu den Gefühlen, die er selbst für die vierzehn Jahre ältere Clara Schumann empfindet oder zumindest einmal empfunden hat.
00:15:54: Vermutlich fühlte sich auch Clara Schuman zur Johannes Brahms hingezogen wenn gleich es dafür keine gesicherten Belege gibt.
00:16:02: Während Robert Schumann kurz vor seinem Tod in einer Nervenheilanstalt war, lebte Brahms sogar mit Clara und ihren Kindern in einem Haus.
00:16:10: Ob die Liebe zwischen beiden eine rein platonische blieb wird wohl ein ewiges Geheimnis bleiben – denn einvernehmlich haben Clara-Schumann und Johannes Brahms ihre intimsten Briefe aus dieser Zeit vernichtet!
00:16:22: Wir wissen nur dass Clara sich am Ende gegen eine Partnerschaft mit Johannes Brahmes entschied und dieser bis zum Ende seines Lebens unverheiratet bliebe….
00:16:35: Warum hat Brahms ausgerechnet dieses Alphornmotiv ins Finale seiner ersten Sinfonie eingebaut?
00:16:42: Manche glauben, es ist eine Dankssagung.
00:16:44: Clara hatte schließlich nicht nur als emotionale Vertrauensperson sondern auch als fachliche Ratgeberin im Entstehungsprozess des Werks eine wichtige Rolle gespielt.
00:16:54: Der Hornruf lässt sich aber auch als Symbol unerfüllter Sehnsucht deuten und damit ein Kernmotiv romantischer Kunstauffassung überhaupt.
00:17:03: Wo es sich die Klassik zum Ziel gemacht hatte, das Schicksal zu bezwingen.
00:17:07: Die Brüche der Welt durch humanistische Ideale zu überwinden sucht die Romantik und die Erlösung im Reich der Fantasie.
00:17:15: Hier kann jede noch so unglückliche Liebe weiterleben.
00:17:19: Hier gilt weder Schwerkraft noch Zeit!
00:17:22: Hier erwachen Tote zum Leben, Greise werden zu Jünglingen Opfer zu
00:17:27: Helden.".
00:17:45: Und so muss auch Beethoven nicht mehr überboten werden, sondern darf unverblühmt als Inspirationsquell angezappt werden.
00:17:53: Das zentrale Thema seines Finalsatzes lehnt Brahms so offensichtlich an Beethovens Freudenhymnus aus der neunten Annen das es – Zitat Brahms – jeder Esel gleich hört!
00:18:04: Er verknüpft dieses Thema raffiniert mit dem Alpern-Thema.
00:18:07: Es würde er die eigene Gefühlswelt.
00:18:51: Das komplexe Konstrukt aus Zitaten, Motiven, Erinnerungen und Stimmungen in diesem Finalsatz erscheint nun nicht mehr bemüht sondern verspielt.
00:19:00: Die Lust an der Variation gleich dabei einer karnevalesken Liebeserklärung an das Leben selbst – nicht trotz, sondern gerade wegen seiner schmerzlich schönen Widersprüche!
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